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Der Schleier zerriss

Gulshan Esther, direkte Nachfahrin Mohammeds, Tochter einer reichen einflußreichen Moslemfamilie, war einst von allen Seiten eingeengt durch die moslemische Religion, durch die Beschränkungen, die sie den Frauen auferlegt, durch eine strenge Erziehung und eine schwere körperliche Behinderung. Ihr Weg führte vom Koran zur Bibel, von Mohammed zu Christus, von Allah zum Gott der Bibel.

Viel der äusserst interessanten Geschichten um ihre Familie, um den Islam und seine Bräuche und sie selbst, lasse ich hier weg und verwende nur Sätze aus diesem Buch welche gerade jetzt für dieses Forum das Wesentliche beschreiben.
Edgar Werner
 

Hier ein Ausschnit aus dem Buch von Gulshan Esther
Verlag C.M. Fliss, Hamburg. DER SCHLEIER ZERRISS ISBN 3-922349-30-

       * * *

   

   

        DER SCHLEIER ZERISS

            Auszug aus der Geschichte von Esther Gulshan

Unter normalen Umständen wäre ich in jenem Frühjahr des Jahres 1966 gewiss nicht nach England gekommen. 
Als jüngste Tochter einer moslemischen Sayed-Familie, Direkter Nachkommen des Propheten Mohammed durch die Linie seiner Tochter Fatima, hatte ich, Gulshan Fatima, bis jetzt ein ausgesprochenes ruhiges zurückgezogenes Leben im Panjab, einem Staat meines Heimatlandes Pakistan geführt. Das lag nicht nur daran, dass ich seit meinem siebten Lebensjahr nach dem purdah, dem streng-orthodoxen islamischen Gesetz der Schiiten erzogen worden war, sondern auch damit zu tun, dass ich ein Krüppel war,  der nicht einmal das Zimmer ohne fremde Hilfe verlassen konnte. In der Gegenwart von Männer verhüllte stets ein
Schleier mein Gesicht, wenn es sich nicht gerade um die nächsten männlichen Angehörigen handelte, meinen Vater, zwei älter Brüder und den Onkel. Im grossen und ganzen gesehen bildeten die Mauern, die unseren weitläufigen Garten in Ihan, ungefähr 400 km von Lahaore entfernt, umgaben, während der ersten vierzehn Jahre meines schwächlichen Dasein auch für mein persönliches Leben die Grenze.
Nach diesem ungestörten Muster war mein Leben bisher verlaufen- , bis zu jener Englandreise, als ich vierzehn Jahre alt war. Sie veränderte beinahe unmerklich alles, was bisher war, und löste eine Kettenreaktion von unbeabsichtigten Ereignissen aus. 
     Davon hatte ich natürlich noch keine Ahnung, als ich, am dritten Tag nach unserer Ankunft in London, mit meinen Dienerinnen Salima und Sema in einem Hotelzimmer sass und auf den Spruch des Arztes wartete.
     Vater war es, der mich nach England gebracht hatte – er , der im Grunde auf die Engländer herabsah, weil sie drei Götter verehrten, anstelle des Einen Gottes. Er hatte mich bei Razia, meiner Privatlehrerin , nicht einmal die Sprache der Ungläubig en lernen lassen, aus Furcht , ich könnte irgendwie mit dieser Irrlehre infiziert und dadurch von unserem Glauben weggezogen werden. Trotzdem nahm er mich mit , um bei den besten Spezialisten Englands Rat zu suchen, nachdem er auf seiner erfolglosen Suche nach ärztlicher Hilfe bereits zu Hause riesige Summen Geldes ausgegeben hatte. 
Es handelte sich um einen Spezialisten, der meinem Vater in Pakistan empfohlen worden war, und seine Diagnose würde endgültig über meine Zukunft entscheiden.

       Wenn es möglich war, diese Krankheit zu heilen, die mich als Baby bereits linksseitig völlig gelähmt hatte, war ich frei, meinen Cousin zu heiraten, mit dem ich im Alter von drei Monaten verlobt worden war.
Die Behinderung beschreibt sie so: Wer sieht es auch schon gerne verdorrte Gliedmassen, bei denen die Haut schwarz und schrumpelig herumhängt und die Finger .- sofern man sie überhaupt als solche bezeichnen kann – nicht mehr sind als eine gallertartige Masse  ohne jegliche Muskelkraft.
      Der englische Spezialist konnte ihr keine Heilung bringen.
      Ihr Vater reiste anschliessend mit ihr an verschiedene islamischen Pilgerorte wo sie Heilung erwarteten. Nichts geschah.

      Später lag der Vater im Sterben. Gulshan sass in ihrem Rollstuhl an seinem Bett
Dann richtete sich der Vater mühsam auf und griff nach ihrem Arm, wobei seine Augen einen merkwürdigen starren Blick bekamen, als sähe er eine Vision. „Gulshan“ keuchte er, „eines Tages wird Gott dich heilen. Bete zu ihm „ mit diesen Worten sank er kraftlos in die Kissen zurück und atmete langsam und schwer. Seine Augen schlossen sich. 
     Nicht lange darauf starb der Vater. Gulshan blieb zurück mit ihren Dienerinnen, ihren männlichen Verwandten und einer Tante.
     Von ihrem Vater hatte sie gelernt:: „Gulshan ich möchte, dass du nie vergisst was ich dir jetzt sage: Unsere Religion ist grösser als jede andere, weil Mohammed erstens die Herrlichkeit Gottes ist. Es hat viele andere Propheten gegeben, aber Mohammed war es, der der Menschheit Gottes endgültige Botschaft gebracht  hat; es ist nicht nötig, dass ein weiterer Prophet aufsteht Zweitens ist Mohammed der Freund Gottes, ER hat alle Götzenbilder zerstört und die Menschen die diese Götzen anbeteten zum Islam bekehrt. Drittens hat Gott dem Propheten Mohammed nach allen den heiligen Büchern den Koran gegeben. Er ist Gottes endgültiges Wort, und wir müssen danach handeln. Alle unsere Schriften sind vollkommen.“

                                               „La ilaha ill Allah,
                                           Muhammed rasoolullah!“.

                                   „Es gibt keinen anderen Gott ausser Allah,
                                     Und Muhammed ist der Prophet Gottes.“

     Nach dem Tod des Vaters wurde das Leben wurde für Gulshan immer schwerer. Sie dachte sogar an Selbstmord.
     Sie schreibt: Aus purer Verzweiflung fing ich an mit Gott zu reden, und zwar nicht so wie Moslems dies tun, indem sie vorgeschriebene Gebete benutzen und stets eine unüberwindbare Kluft zwischen sich und ihm haben. Getrieben durch die gewaltige Leere in meinem Innern, begann ich zu beten, als ob ich mit einem spräche der meine Situation und meine Not genau kannte.
     „Ich möchte sterben“, sagte ich. „Ich will ganz einfach nicht so weiterleben, basta.“.
Ich kann es nicht erklären aber irgendwie war ich sicher, dass ich gehört wurde. Es war so als ob ein Vorhang zwischen mir und einer unbekannten Quelle des Friedens beiseite gezogen worden wäre. Ich wickelte mich fester in meinen Schal ein, um gegen die Kälte geschützt zu sein, und nahm einen neuen Anlauf im Gebet.

     „Was für eine schreckliche Sünde habe ich begangen, dass Du mich ein solches Leben führen lässt?“ schluchzte ich, „Ich war kaum geboren, da hast Du mir schon die Mutter genommen. Dann hast Du mich zum Krüppel werden lassen und jetzt auch noch meinen Vater weggenommen. Warum hast Du mich so hart gestraft?“.

      Die Stille um mich her war so tief, dass ich mein eigenes Herz klopfen hörte.
      „Ich werde dich nicht sterben lassen. Du sollst am Leben bleiben.“

     Es war eine leise, sanfte Stimme, die da sprach, wie ein Lufthauch, der über mich hinwegfuhr. Ich weiss genau, dass da wirklich eine Stimme war, die in meiner Muttersprache mit mir redete und mir eine ganz neue Freiheit eröffnete, mich Gott dem Allerhöchsten, zu nahen, der mir bis jetzt noch nie auch nur das kleinsten Zeichen gegen hatte, dass Er überhaupt  von meinem Dasein wusste.

DER SCHLEIER ZERRISS Teil 2

Es war eine leise, sanfte Stimme, die da sprach, wie ein Lufthauch, der über mich hinwegfuhr. Ich weiß genau, daß da wirklich eine Stimme war, daß sie in meiner Muttersprache mit mir redete und mir eine ganz neue Freiheit eröffnete, mich Gott, dem Allerhöchsten, zu nahen, der mir bis jetzt noch nie auch nur das kleinste Zeichen gegeben hatte, daß Er überhaupt von meinem Dasein wußte.
»Was für einen Zweck hat es, wenn ich am Leben bleibe?« fragte ich bitter. »Ich bin ein Krüppel. Als Vater noch lebte, konnte ich alles mit ihm besprechen. Jetzt kommt mir jede Minute meines Lebens vor wie hundert Jahre. Du hast meinen Vater fortgenommen und mich ohne Hoffnung und ohne einen Lebenssinn zurückgelassen.«
Wieder kam die Stimme, leise, doch voller Kraft.
»Wer hat den Blinden das Augenlicht gegeben, die Kranken gesund gemacht, die Aussätzigen gereinigt und die Toten auferweckt? Ich bin es, Jesus, der Sohn der Maria. Lies, was im Koran über mich geschrieben steht, in der Sure >Das Haus Imrän<.«
Ich weiß nicht, wie lange die Unterhaltung dauerte. Fünf Minuten? Eine halbe Stunde? Plötzlich erklang von der Moschee her der morgendliche Gebetsruf, und ich öffnete verwirrt die Augen. alles sah so aus wie sonst auch in meinem Zimmer. Aber warum war keiner mit dem Waschwasser gekommen? Es schien so, als habe man mich absichtlich nicht stören wollen, damit ich in Ruhe diese merkwürdige Begegnung genießen konnte.
Im Verlauf des Tages versuchte ich mir dann allerdings einzureden, ich habe das alles nur geträumt. Zusammen mit meinen beiden Schwestern sowie anderen Frauen und Mädchen aus der Verwandtschaft stattete ich dem Grab meines Vaters einen Besuch ab. Alles war still und friedlich dort, und auf die aufgeschüttete braune Erde hatte man frische Blumen gelegt. Doch ich konnte nur mit Entsetzen das Grab betrachten. Vater, der es zu seinen Lebzeiten nie vertragen konnte, auch nur das kleinste Staubkörnern an sich zu haben, lag unter diesem dreckigen Erdhaufen begraben. Es war zu furchtbar, daran zu denken
Als wir von diesem traurigen Besuch nach Hause zurückkehrten, begann für uns eine vierzigtägige Trauerzeit. Während dieser Zeit blieben Safdar Schah und Alim Schah ihrer Arbeitsstelle fern, und ein ununterbrochener Strom von Besuchern aus der Nähe und aus der Ferne, Hohe und Niedrige, stellten sich ein, um dem Andenken unseres Vaters ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Während dieser ganzen Zeit versorgten Nachbarn uns mit Essen. In unserem Haus durfte kein Herdfeuer zum Kochen angezündet werden. Es wurde erwartet, daß wir uns nur mit unseren Erinnerungen an den Toten beschäftigten und mit jedem, der kam, über ihn sprachen; Unsere Besucher saßen auf dem Fußboden, um ihre Ehrerbietung zu zeigen, und redeten von allem Guten, das der Tote getan hatte. Auf diese Weise ehrte man sein Andenken und trug mit dazu bei, die Angehörigen aufzumuntern. Es war eigentlich eine schöne Sitte, durch die die Hinterbliebenen Gelegenheit erhielten, ihrem Leid auf die rechte Weise Ausdruck zu verleihen, während ihnen gleichzeitig von allen Seiten Trost und Kraft gespendet wurde.
Als wir, vom Friedhof zurückgekehrt, in einem Zustand tiefster Verzweiflung zu Hause saßen, geschah etwas Merkwürdiges. Eine der Dienerinnen schrie plötzlich auf und deutete auf einen Stuhl.
»Ich habe ihn dort sitzen sehen!« rief sie. Niemand war erstaunt über diese Behauptung. Das Gefühl der Gegenwart eines Verstorbenen verläßt das Haus meistens nicht unmittelbar nach seinem Tod, und im Falle meines Vaters konnten wir es sowieso alle noch nicht recht glauben, daß er wirklich für immer von uns gegangen sein sollte. Es kam uns vielmehr so vor, als sei er nur eben kurz einmal hinausgegangen, um dem Gärtner ein paar Anweisungen zu geben, und würde in wenigen Minuten wieder hereinkommen. Ich sah die Dienerin an und fragte mich, warum ausgerechnet sie ihn gesehen hatte und nicht einer von der Familie.
Tante kam in mein Zimmer und saß für eine Weile an meinem Bett, um mir den Nacken zu massieren. Durch das viele Weinen hatte ich schlimme Kopfschmerzen bekommen. »Dein Onkel und ich werden wie Vater und Mutter für dich sorgen«, versicherte sie. »Bitte, betrachte uns als solche und versuche, den schweren Verlust als Gottes Willen zu akzeptieren. Er hat deinen Vater ins Paradies geholt.«
Als sie wieder gegangen war, brauchte ich dringend irgend etwas, um meine Gedanken von den Ereignissen des Vormittags abzulenken. Darum ließ ich mir den arabischen Koran bringen und begann, die Sure »Das Haus Imrän« zu lesen. Doch es erwies sich als recht schwierig, den arabischen Text richtig zu verstehen, obwohl dessen rhythmisches Versmaß das Auswendiglernen eigentlich immer leicht gemacht hatte. Plötzlich kam mir ein kühner Gedanke: Warum sollte ich den Koran nicht in meiner Muttersprache lesen?
Ich schrieb ein paar Zeilen auf ein Stück Papier und gab dieses Salima, als sie hereinkam, um mich umzuziehen.
»Bitte, geben Sie der Überbringerin die beste Urdu-Ubersetzung des Korans, die Sie haben«, stand auf dem Zettel.
»Geh mit diesen Zeilen in die Buchhandlung und bitte um den Koran in Urdu, herausgegeben von der Taj-Gesellschaft«, sagte ich zu meinem Mädchen. »Das Geld kannst du dir von Tante geben lassen.«
Salima nickte höflich und ging. Zwei Stunden später war sie wieder da, mit dem in Zeitungspapier eingewickelten Buch.
»Sehr schön«, sagte ich. »Nun mach mir bitte noch eine Hülle dafür.«
Am Abend, als alles im Hause still war, entfernte ich die grüne Seidenhülle und nahm den Urdu-Koran heraus. Einen Augenblick hielt ich das Buch unschlüssig in der Hand. Nur zu gern hätte ich jene Stimme noch einmal gehört, die mir versicherte, daß meine Gebete gehört worden seien und es eine Möglichkeit der Heilung und neue Hoffnung für mich gebe. Instinktiv wußte ich, daß ich sie nur dann von neuem hören konnte, wenn ich der Anweisung, zu lesen, Folge leisten würde. Voller Neugier, wenn auch mit traurigem Herzen und ohne nur im entferntesten daran zu denken, welch ein entscheidender Augenblick dies war, sagte ich die bismillah Formel-, öffnete das Buch und fing an zu lesen:

»Da die Engel sprachen: >0 Maria, siehe, Allah verkündet dir ein Wort von ihm; sein Name ist der Messias, Jesus, der Sohn der Maria, angesehen hienieden und im Jenseits und einer der Allah Nahen.
Und reden wird er mit den Menschen in der Wiege und in der Vollkraft, und er wird einer der Rechtschaffenen sein...«

Am dritten Tag nach dem Tod unseres Vaters wurde Safdar Schah als rechtmäßiges Familienoberhaupt eingesetzt. Feierlich setzten ihm zwei seiner Onkel einen von Vaters Turbanen aufs Haupt. Von nun an war er in unserer Familie der Pir und der Schah, von dem man erwartete, daß er auf religiöse Fragen eine Antwort wußte. Er würde bestimmt einen guten Pi r abgeben. Manche, die diesenTitel besaßen, waren ungebildet und abergläubisch.
Für die Dauer der vierzigtagigen Trauerzeit war das Haus voll von Nachbarn, Besuchern und murreeds mit ihren Frauen. Diese waren gekommen, um uns ihre Dienste anzubieten. Sie meinten es wirklich gut, hielten das Haus sauber und versorgten die anderen Besucher mit Essen. Außerdem brachten sie uns Kleider mit, die wir der Höflichkeit halber auch anziehen mußten.
»Diese Kleider sind Gewänder des Todes, nicht des Lebens. Sie erinnern mich immer wieder an das, was geschehen ist«, sagte Anis Bibi und zupfte voll Unbehagen an ihrem shalwar kameeze herum.
Die Trauerzeit endete mit zwei speziellen Ereignissen. Das Grab wurde mit Zement überzogen und ein Gedenkstein errichtet. Dann wurden alle zur traditionellen Trauerabschlußfeier, der chalisvanh, . eingeladen
Ein großes Zelt wurde aufgestellt und die Versorgung der Gäste einem Restaurant am Ort übertragen. Dieses ließ einige Kochherde aufstellen und 150 riesigeTöpfe mit Reis füllen. Es gab chick pea pilau (Erbsen mit Hammelfleisch und süßem Reis), wobei alle auf durrees auf der Erde saßen und mit ihren Fingern von Blechtelern  aßen.
Ich nahm nicht an der Feierlichkeit teil, weil ich es schrecklich fand, wegen meiner Behinderung angestarrt und bemitleidet zu werden, aber ich ließ mir alles genau erzählen.
Nun war es Zeit für Safdar Schah, nach Lahore zurückzukehren, doch bevor er das tat, kam er in mein Zimmer, um mit mir  zu sprechen. Er nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem Vater so oft gesessen hatte, und man sah ihm an, daß ihm unbehaglich zumute war. In der Hand hielt er das Dokument über das Vermögen, das Vater mir vermacht hatte. Ich wußte, was er sagen wollte, und legte mir bereits im Geist eine Antwort zurecht
»Meine liebe Schwester«, begann er, »ich würde dich gern bitten, bei uns zu wohnen, wenn da nicht der Umstand wäre, daß du Onkel und Tante hier bei dir hast, die sich um dich kümmern. Wie du weißt, hat Vater dir den größten Anteil seines Vermögens hinterlassen. Dagegen habe ich natürlich nichts einzuwenden, denn Vater hat für dich stets in vorbildlicher Weise gesorgt und vor-nehmlich dein Wohlergehen und deine Bequemlichkeit im Auge gehabt. Da du nun aber eine wohlhabende Frau bist, kannst du dir aussuchen, wo du wohnen möchtest, auch wenn es Labore ist.«
Ich unterbrach ihn mit den Worten: »Danke, mein Bruder, aber ich möchte dieses Haus, in dem ich aufgewachsen bin, wirklich nicht verlassen. Ich möchte nicht nach Lahore ziehen.«
Mein Bruder sah mich prüfend an. »ist es denn gut für dich, wenn du hier bleibst und grübelst?«
»Grübeln würde ich vermutlich auch in Lahore. Hier habe ich meine vertraute Umgebung«, gab ich zurück. Den tieferer Grund, warum ich bleiben wollte, verriet ich nicht -, daß ich nur hier in Ruhe und Ungestörtheit den Koran nach Jesus, dem Propheten und Heiler. durchforschen konnte.
»Nun gut, wenn du so denkst, dann ist es mir recht«, sagte Safdar Schah. Er schien erleichtert zu sein. »In diesem Falle sollten wir
dann jetzt also Vaters letzten Wunsch hinsichtlich deines Vermögens erfüllen.«
Es wurde vereinbart, daß Safdar Schah Geld auf der Bank in Lahore deponieren sollte, das ich nach Bedarf abheben konnte. Als Haushaltsvorstand würde ich allmonatlich einen Scheck auf die »Muslim Commercial Bank« ausstellen, mit dem die laufenden Kosten bestritten werden konnten. Onkel würde dann jeweils von mir genug für den Unterhalt des Hauses erhalten. Mein Bruder Safdar Schah wollte uns zweimal im Monat besuchen, um den Kontostand mit mir durchzugehen.
»Ich weiß, daß du alles ordentlich handhaben wirst«, sagte Safdar Schah. »Vater hat bereits zu seinen Lebzeiten großes Vertrauen in dich gesetzt.«
Befriedigt über diese Vereinbarung, reiste mein Bruder ab. Und dann ging einer nach dem anderen fort, bis ich allein übriggeblieben war, ohne einen einzigen engen Vertrauten oder guten Freund, der meine Einsamkeit geteilt hätte. Trotzdem konnte ich mich nicht über Mangel an Gesellschaft beklagen.
Als mein Bruder abgereist war, kam Tante zu mir ins Zimmer.
»Du hast es wirklich gut, daß man dir so viel Vertrauen entgegenbringt«, sagte sie. »Als ich so alt war wie du, wäre es für eine Frau undenkbar gewesen, so gut über geschäftliche Dinge Bescheid zu wissen... aber dein Vater - gesegnet sei sein Andenken - hat dich wie einen seiner Söhne behandelt.«
Als sie das Zimmer verlassen hatte und mich von neuem eine tiefe Stille umgab, öffnete ich meinen Urdu-Koran und las noch einmal die Stelle aus der Sure »Das Haus Imrän«, die für mich inzwischen eine solch zentrale Bedeutung gewonnen hatte:

»Ich will heilen den Mutterblinden und Aussätzigen und will die Toten lebendig machen mit Allahs Erlaubnis...

Es gab vieles, was ich noch nicht verstand. Viele kluge und gelehrte Leute hatten versucht, Erklärungen über den Propheten Jesus abzugeben, der, wie diese Sure es sagte, ein geschaffenes Wesen war, ein Gebilde aus Staub wie Adam, und der trotzdem durch die Macht Allahs alle diese Wunder vollbringen konnte. Ich zweifelte nicht daran, daß er ein bedeutender Mann gewesen war, aber wer war dieser Prophet wirklich, daß er um meine Not wußte und vom Himmel her zu mir gesprochen hatte, als ob er lebendig sei?
Ich hatte meinen liebsten Gefährten verloren, und das Leben lag öde und leer vor mir. Trotzdem war ein winziges Samenkorn des Suchens und der neuen Hoffnung in mein Herz gefallen. Eines Tages, das wußte ich, würde ich das Geheimnis dieses rätselhaften Propheten lösen können, der sich hinter den Seiten des Korans verbarg.

Der Schleier Zerriss Teil 3

DER SCHLEIER ZERRISS Teil 3
. So fuhr ich fort, zu diesem Jesus zu beten, bis ich mehr Erkenntnis bekommen würde. Wie gewöhnlich, war ich um 3 Uhr morgens aufgewacht und las, sitzend, jene mir inzwischen so wohlbekannten Verse aus dem Kran. Noch während ich die Worte in mich aufnahm, sprach einem Herzen die alte Litanei: »0 Jesus, Sohn der Maria, heile mich!« Doch dann brach ich plötzlich ab und sprach laut einen Gedanken aus, der sich mir mit Gewalt aufgezwungen hatte:
Solange mache ich das nun schon und bin immer noch ein Krüppel.

Nebenan hörte ich, wie jemand langsam aufstand und sich anschickte, wie üblich vor dem Morgengebet das Waschwasser vorzubereiten. In wenigen Minuten würde Tante zu mir hereinschauen. Während ich dieses alles in meinem Kopf registrierte, beschäftigten sich meine Gedanken auf hartnäckige Weise mit meiner Not. Warum war ich nicht gesund geworden, obwohl ich drei Jahre lang so intensiv gebetet hatte?
»Hör doch, du lebst im Himmel, und im Koran steht geschrieben, daß du Menschen geheilt hast. Also kannst du mich auch heilen, und trotzdem bin ich immer noch ein Krüppel.«
Warum bekam ich keine Antwort? Warum umfing mich nur eisiges Schweigen, das meinen vielen Gebeten Hohn sprach?
Wieder rief ich seinen Namen an und brachte verzweifelt mein Anliegen vor. Wieder wartete ich vergeblich auf Antwort. Da schrie ich in einer Aufwallung von plötzlichem Schmerz laut auf: »Wenn du kannst, dann heile mich - wenn nicht, dann sag es mir!« Ich wußte nicht mehr ein noch aus.
Es fällt mir nicht leicht, das, was als nächstes geschah, in Worte zu fassen. Der ganze Raum war plötzlich mit Licht erfüllt. Zuerst dachte ich, das Licht käme von meiner Nachttischlampe, doch dann merkte ich, daß ihr Schein nur schwach leuchtete. Vielleicht war es das Tageslicht? Aber dazu war es noch zu früh. Das Licht wurde stärker und nahm an Intensität zu, bis es heller leuchtete als die Sonne. Ich bedeckte mein Gesicht mit dem Schal, so sehr fürchtete ich mich.
Dann kam mir der Gedanke, der Gärtner könne vielleicht die Außenbeleuchtung angeschaltet haben, um die Bäume im Garten anzustrahlen. Das tat er manchmal, ,wenn die Mangos reif waren, um Diebe abzuschrecken, oder auch, um sich während der kühlen Nachtstunden um die Bewässerung zu kümmern.
Verstohlen schaute ich unter meinem Schal hervor. Doch die Fenster und Türen waren fest verschlossen, alle Vorhänge zuge-zogen und die Jalusien heruntergelassen. Plötzlich bemerkte ich mehrere Gestalten in langen Gewändern, die mitten in dem strahlenden Licht standen, nicht weit von meinem Bett entfernt. Zwölf waren es, alle in einer Reihe, und die Gestalt in der Mitte, die dreizehnte, war größer und heller als die anderen.
»0 Gott!« rief ich aus, während mir der Angstschweiß auf die Stirn trat. Mit gesenktem Kopf fing ich an zu beten: »0 Gott, wer sind diese Leute, und wie sind sie hier hereingekommen, wo doch alle Fenster und Türen geschlossen sind?«
Plötzlich hörte ich eine Stimme sagen: »Steh auf! Dies ist der Weg, den du immer gesucht hast. Ich bin Jesus, der Sohn der Maria, zu dem du gebetet hast. Jetzt stehe ich vor dir. Steh auf und komm zu mir!«
Ich begann zu weinen. »0 Jesus«, schluchzte ich, »ich bin ein Krüppel. Ich kann nicht aufstehen.«
Er antwortete: »Steh auf und komm zu mir! Ich bin Jesus!«
Als ich zögerte, wiederholte er die Aufforderung. Und dann, während ich immer noch zweifelte, sprach er zum dritten Mal:
»Steh auf!«
In diesem Augenblick fühlte ich, Gulshan Fatima, die neunzehn Jahre als Krüppel im Bett zugebracht hatte, neue Kraft in meine verdorrten Glieder hineinfließen. Ich streckte meine Beine aus dem Bett und stand auf. Dann machte ich ein paar Schritte und fiel der himmlischen Erscheinung zu Füßen. Ich kniete in dem strah-lendsten Licht, das man sich denken kann, einem Licht, das heller leuchtete als Sonne und Mond zusammen. Dieses Licht drang tief in mein Herz und meinen Sinn ein, und in diesem Moment wurde inir vieles klar.
Jesus legte mir seine Hand auf den Kopf, und ich bemerkte ein Loch in der Hand, von dem ein Lichtstrahl auf mein Gewand fiel, so daß das grüne Kleid weiß aussah.
Er sprach: »Ich bin Jesus. Ich bin Immanuel. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich lebe und werde bald wiederkommen. Von diesem Tag an bist du mein Zeuge. Was du mit deinen Augen gesehen hast, sollst du meinem Volk weitersagen. Mein Volk ist dein Volk, und du sollst treu sein und dieses Geschehen an mein Volk weitergeben.«
Er fuhr fort: »Du mußt dieses Kleid und deinen Körper makellos rein halten. Wo du auch hingehst, ich bin bei dir, und von diesem Tag an sollst du so beten:
>Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute; und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben; und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.<«


Er ließ mich die Worte wiederholen, bis sie mir tief in Herz und Gemüt drangen. In seiner wunderschönen Einfachheit und doch großen Tiefe war dieses Gebet so vollkommen anders als die Gebete, die ich seit meiner Kindheit auswendig gelernt hatte. Gott wurde darin »Vater« genannt -, dieser Name griff mir ans Herz, er füllte die Leere in meinem Innern vollständig aus.
Ich wollte so gern zu den Füßen Jesu verweilen und immer wieder den neuen Namen Gottes im Gebet aussprechen: »Unser Vater...«, aber die himmlische Erscheinung hatte mir noch mehr zu sagen:
»Lies im Koran. Ich lebe und werde bald wiederkommen. « Das hatte ich gelernt, darum fiel es mir nicht schwer, dem, was ich hörte, Glauben zu schenken.
Jesus redete noch weiter mit mir. Ich war so voller Freude, daß ich es gar nicht beschreiben kann.
 

Ich betrachtete meinen Arm und mein Bein und bemerkte, daß Fleisch daran war. Meine Hand war zwar nicht vollkommen, aber sie besaß Kraft und hing nicht mehr lahm und nutzlos herunter.
»Warum machst du sie nicht ganz heil?« fragte ich.
Liebevoll kam die Antwort:
»Ich möchte, daß du mein Zeuge bist.«

 

Die Gestalten erhoben sich und entschwanden meinen Blicken. Ich wollte Jesus so gern noch länger dabehalten und weinte vor Traurigkeit laut auf Dann verblaßte das Licht, und ich stand allein in der Mitte meines Zimmers, in ein weißes Gewand gehüllt, die Augen geblendet von dem gleißenden Licht. Sogar der Schein der Nachttischlampe tat meinen Augen weh, und meine Augenlider hingen schwer herab. Ich tastete mich zu einer Kommode hin, die an der Wand stand. In einer der Schubladen fand ich meine Sonnenbrille, die ich gewöhnlich trug, wenn ich im Garten saß. Ich setzte sie auf und konnte nun die Augen ohne Schwierigkeiten wieder öffnen.
Nachdem ich die Schublade sorgfältig geschlossen hatte, sah ich mich im Zimmer um. Es war noch genauso, wie ich es beim Aufwachen vorgefunden hatte. Die Uhr auf meinem Nachttisch tickte gleichmäßig und zeigte beinahe 4 Uhr morgens an. Die Tür war geschlossen und die Vorhänge an den Fenstern fest zugezogen, damit die Kälte nicht herein konnte. Trotzdem hatte ich mir das Geschehen der vergangenen Stunde keineswegs eingebildet, dafür war mein Körper der beste Beweis. Ich machte ein paar zögernde Schritte, dann noch ein paar mehr. Mutiger geworden, ging ich von einem Ende des Zimmers zum anderen, kreuz und quer, hin und her. Kein Zweifel, die Glieder an der einst gelähmten linken Körperseite waren gesund und voller Kraft.
Ach, welch große Freude empfand ich.
»Vater!« rief ich aus. »Unser Vater, der du bist im Himmel!« Es war einfach wunderbar, dieses neue Gebet.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
»Gulshan«, hörte ich Tantes aufgeregte Stimme sagen, »wer läuft da in deinem Zimmer herum?«
»Ich bin es, Tante.«
Ich merkte, wie sie nach Luft schnappte, dann kam ihre Stimme von neuem: »Oh, das ist unmöglich. Du bist unheilbar krank. Wie kannst du da laufen? Du lügst.«
»Komm doch rein und sieh selbst!«
Langsam ging die Tür auf, und Tante schob sich ängstlich ins Zimmer. Voller Entsetzen und in ungläubigem Staunen stand sie da, eng an die Wand gepreßt, und starrte mit großen Augen in mein strahlendes Gesicht.
»Paß auf, du fällst!« sagte sie.
»Ich falle nicht«, lachte ich, denn ich spürte, wie neues Leben durch meinen Körper strömte und ihn mit Kraft erfüllte.
Langsam kam Tante auf mich zu, die Hände ausgestreckt wie ein Blinder, der sich vorwärtstastet. Sie schob den Ärmel meines Kasacks hoch und betrachtete meinen Arm, der rund und prall geworden war. Dann forderte sie mich auf, mich aufs Bett zu setzen, um mein Bein ansehen zu können, das genauso gesund war wie das andere.
»Es sieht komisch aus, wenn du stehst. Ich muß mich erst daran gewöhnen«, bemerkte sie. Dann wollte sie wissen, was passiert war.
Nun erzählte ich meiner Tante alles, was geschehen war, angefangen bei der Prophezeiung meines Vaters und der Stimme in meinem Zimmer am Tag nach seinem Tod. Ich sprach von den drei Jahren, in denen ich die Aussagen des Korans über Jesus studiert hatte, und berichtete zum Schluß davon, wie er mir persönlich erschienen war und mich gesund gemacht hatte.
Als ich an die Stelle kam, wo Jesus mir befohlen hatte, sein Zeuge zu sein, unterbrach Tante mich mit den Worten: In Pakistan gibt es keine Christen, denen du diese Dinge bezeugen kannst, und nach Amerika oder England brauchst du dafür bestimmt nicht zu gehen. Dein Zeugnis sollte darin bestehen, daß du den Armen Almosen gibst. Wenn diese Leute zu dir kommen und du sie mit Nahrungsmitteln und Geld versorgst, dann ist das das beste Zeugnis. «
Bis dahin hatte ich den Auftrag, den Jesus mir gegeben hatte, noch gar nicht so verstanden, daß ich vielleicht nach England oder Amerika gehen sollte. Aber seine Worte an mich standen mir noch lebhaft vor der Seele:
»Was du mit deinen Augen gesehen hast, sollst du meinem Volk weitersagen. Mein Volk ist dein Volk.«
In Gedanken sprach ich ein kurzes Gebet: »Jesus, wo ist denn dein Volk?«