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Gottes kleine Hausgenossen

 

Mein Vater kam mit einem

fetten Bissen im Schnabel

angeflogen. Wie ein Federbusch

hing ihm die Beute

links und rechts heraus.

Sofort riss ich meinen Rachen

auf, so weit ich konnte.

Aber er dachte gar nicht

daran, mir das Maul zu stopfen. Gierig rutschte ich über den

Rand des Ausfluglochs, um die Beute zu erreichen. Da wich

er plötzlich zurück, und ich stürzte kreischend hinunter. Einen

Augenblick hatte ich noch versucht, mich an ihm festzukrallen.

Verzweifelt mit den Flügeln schlagend, sauste ich abwärts.

Doch kurz vor dem erwarteten Aufprall merkte ich auf einmal,

dass ich fliegen konnte. Tollpatschig torkelnd folgte ich meinem

Vater auf den nächsten Baum. Nachdem ich eine Weile

ausgeruht hatte, wagte ich selbst den Sprung hinunter. Nun flog

ich direkt hinter ihm her, machte alle Kurven und Schwenkungen,

Auf- und Abstiege nach. Später versuchte ich, wieder ins

Nest zurückzukommen. Doch es gelang nicht gleich. Erst als

Vater mir half, schaffte ich es und kroch erschöpft keuchend

in das an der Wand klebende Nest zurück.

 

Mein Name

Ich bin eine Schwalbe, genauer gesagt eine Mehlschwalbe,

»delichon urbica«. Den deutschen Namen bekam ich

von der Farbe meiner Unterseite her, die im Gegensatz zu

der der Rauchschwalbe, meiner Verwandten, in makellosem

Weiß erscheint. Von ihr unterscheide ich mich auch

durch meinen Schwanz, der ohne diese langen, albernen

Spieße viel schöner aussieht, finden Sie nicht auch? Außerdem

halte ich es für besser, meine Nester außen an die

Gebäude zu kleben, anstatt mit Menschen oder Tieren

in einem Stall zu hausen. Mein lateinischer Name zeigt,

dass Wissenschaftler auch nur Menschen sind. Eigentlich

kommt er aus dem Griechischen von »he chelidon«, was

einfach »die Schwalbe« heißt. Irgendjemand hat aber die

Buchstaben verwechselt und aus »chelidon« »delichon«

gemacht, was eigentlich gar keinen Sinn hat. Dass ich in

der Nähe der Menschen lebe, sollte mit »urbica«, d. h. zur

Stadt gehörend, dokumentiert werden.

 

Meine Flugmuskeln

Wissen Sie überhaupt, warum wir Vögel fliegen können?

Das ist nicht so einfach, wie Sie denken. Unser gesamter

Organismus musste vom Schöpfer darauf eingestellt werden;

denn es genügt nicht, nur Federn zu haben. Ohne Mühe

können wir beide Flügel gleichzeitig auf- und abbewegen.

Die meisten Vierbeiner lassen hingegen ihre Vorderfüße

abwechselnd vor- und zurückpendeln. Auch Sie bewegen

Ihre Arme unbewusst genauso, wenn Sie gehen. Gewiss

eine Kleinigkeit, doch könnte ich ohne diese instinktive

Gleichzeitigkeit nicht einen Meter fliegen. Außerdem

müssen wir unsere »Vorderfüße« schneller als jedes andere

Tier hin- und herbewegen. Den Rekord hält unser kleinster

Kollege, der winzige, nur drei Zentimeter große Kolibri. Er

bringt es fertig, seine Flügel in einer Sekunde achtzigmal

auf- und abzugbewegen. Würden Sie im Verhältnis zu Ihrem

Gewicht die gleiche Kraft entwickeln wollen, dann müssten

Sie in jeder Sekunde eine Last von 56 Sack Zement einen

Meter hoch in die Luft heben. Sie sehen also, dass man

zum Fliegen sehr viel Kraft braucht. Unsere Flugmuskeln

gehören darum – bezogen auf meine Körpergröße – zu den

stärksten Muskeln, die es im Tierreich gibt.

Sie machen immerhin ein Drittel unseres Körpergewichts aus.

Wissenschaftler haben ermittelt, dass ein Adler als

Dauerleistung ein Zehntel Kilowatt produziert. Ich gebe

zu, ich schaffe das nicht. Ich bin ja auch viel kleiner. Aber

nun raten Sie einmal, wie groß die Dauerleistung eines

gewöhnlichen Menschen ist! Sie beträgt sage und schreibe

nicht mehr als die eines gewöhnlichen Adlers. Mit solch

einer kümmerlichen Leistung würden Sie keine Minute

im Schwebeflug verbleiben können, geschweige denn zu

irgendeiner Form des Kraftfluges fähig sein.

 

Meine Federn

kommen Ihnen vielleicht ganz gewöhnlich vor. Doch schauen

Sie Ihre eigene Haut an mit den paar Härchen darauf. Betrachten

Sie das Fell eines Meerschweinchens, die Schuppen

eines Karpfens, die kalte Haut eines Frosches – nichts davon

übertrifft unser Gefieder an Kompliziertheit, Leichtigkeit

und Schönheit. Sie haben sicher von einer Theorie gehört,

wonach sich unsere Federn aus Reptilschuppen entwickelt

haben sollen. Nein, so etwas kann ich nicht glauben. Ich

halte es mit Ihrem Glaubensbekenntnis, worin es heißt: Ich

glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt aller Kreatur.

Nehmen Sie einmal eine unserer Federn zur Hand, legen

Sie diese unter eine stark vergrößernde Lupe oder besser

noch unter ein Mikroskop, und betrachten Sie ihre Struktur.

Sie werden eine geniale und für Flugzeugkonstrukteure

unnachahmliche Verbindung von Festigkeit, Elastizität und

dem sprichwörtlichen »Federgewicht« finden.

Von meinem hornigen Federkiel zweigen nach jeder

Seite einige hundert parallele Äste ab. Bei einem Kranich

sind es etwa 650. Das könnten Sie schon mit dem bloßen

Auge erkennen und notfalls nachzählen.

Aber von jedem dieser 650 Ästchen ragen wiederum

mehrere hundert Paar »Strahlen« nach oben und unten; das sind

insgesamt mehr als anderthalb Millionen.

Damit die Luft zwischen den beidseitig des Federkiels

stehenden Ästchen nicht wirkungslos hindurchstreicht,

brauchte ich eine Vorrichtung, die die vielen hundert Federäste

elastisch miteinander verbindet. Mein Schöpfer hat

das durch eine raffinierte Art Reißverschluss bewerkstelligt.

Auf der Unterseite jedes Ästchens sind Hunderte bogenförmig

verdrehter Dachrinnen angebracht, die so genannten

Bogenstrahlen. Bei einer Kranichfeder sind das 600. Genau

dahinein greifen die auf der Oberseite des nächst tieferen

Ästchens gelegenen 600 Hakenstrahlen. Das Wunderbare

ist, dass die Häkchen in dem Bogenstrahl hin- und herrutschen

können, wodurch die Federfahne sich deutlich sichtbar

verbreitern oder wieder schmaler werden kann. Das ist

eine Eigenschaft, die für meinen Segelflug wichtig ist. Und

sollte sich solch ein winziger Reißverschluss einmal öffnen,

kann ich das mit meinem Schnabel leicht wieder in Ordnung

bringen. Habe ich nicht einen großartigen Schöpfer?!

 

Meine Flügel

An einem Tragflügel, der von Luft umströmt wird, treten

Kräfte auf, die ihn nach oben ziehen. Dahinter steckt eine

ziemlich komplizierte Theorie, mit der ich Sie aber nicht

langweilen möchte. Frappierend ist, dass ich im Gegensatz

zu Ihren Flugzeugen das Profi l meines Flügels verändern

kann, indem ich den Daunenfittich auf der Vorderkante bei

Bedarf aufstelle. Dadurch wird die nach oben ziehende

Kraft noch größer. Natürlich funktioniert das nur, wenn

ich mich in der Luft befinde. Wären nämlich die Federn

starr in den Flügeln verankert, könnte ich sie zwar nach

unten schlagen und bekäme so einen gewissen Auftrieb,

aber schon im nächsten Augenblick würde ich auf der

Nase liegen, weil ich die Flügel ja wieder hochheben muss

und dadurch nach unten gedrückt würde. Mein Schöpfer

hat außerdem dafür gesorgt, dass sich die Federn beim

Hochheben der Flügel automatisch etwas drehen, sodass

sie wie die Lamellen einer Jalousie offen stehen und die

Luft durchlassen. Beim Abschlag schließen sie sich wieder,

und ich kann mich hoch in die Luft schwingen. Weil meine

Flügel außerdem wie der Propeller eines Flugzeuges leicht

verdreht sind, schiebt mich jeder Flügelschlag nach vorn.

 

Meine Flugkunst

Sie wissen, dass der Schöpfer uns zu ausgezeichneten Fliegern

gemacht hat. Manche Ornithologen haben schon angenommen,

wir würden sogar in der Luft übernachten, weil wir ganze

Nächte lang nicht in die Nester zurückkommen. Tatsächlich

verbringen wir den größten Teil unseres Lebens im Flug. Pfeilschnell

schießen wir dahin. Und wenn wir unser Leben retten

müssen, fliegen wir so schnell hoch, dass selbst die Falken

den Kürzeren ziehen. Damit wir unsere Fluggeschwindigkeit

den jeweiligen Erfordernissen anpassen können, haben wir

die Fähigkeit geschenkt bekommen, die Tragfläche unserer

Flügel zu vergrößern oder zu verkleinern.

Durch einen großartigen Mechanismus hat der Schöpfer

die besonderen Eigenschaften unseres Gefieders noch

weiter vervollkommnet. In unsere Haut eingebettet, enden

in der Nähe der Flugfederkiele bestimmte Nervenbahnen.

Wenn durch den Luftstrom die Federn zusätzlich belastet

werden, melden diese Nerven das sogleich dem Gehirn.

Das Gehirn wiederum gibt sofort Befehl, die Stellung

der Einzelfedern entsprechend zu verändern. Das alles

geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Mehr als 1200

winzige Muskeln sind dazu an den Federwurzeln befestigt.

– Können Sie immer noch glauben, dass meine Federn aus

Reptilschuppen entstanden sind?

 

Meine Lunge

Wenn Sie die Stufen eines Kirchturms hinaufsteigen,

kommen Sie ganz schön »außer Puste«. Sie atmen viel

schneller als sonst. Das ist bei uns natürlich nicht anders.

Im Ruhezustand atme ich etwa 26-mal in der Minute ein

und aus. Beim Fliegen erhöht sich diese Zahl auf 490! Sie

können sich denken, dass ein normales Lungensystem das

nicht aushalten würde. Unser Schöpfer hat sich darum auch

etwas Besonderes für uns ausgedacht.

Beim Fliegen wird meine Lunge durch eine Reihe

von Blasebälgen unterstützt. Das sind verschieden große

Luftsäcke, die sowohl mit der Lunge als auch mit gewissen

Hohlräumen in den Knochen verbunden sind. Durch

das ständige Zusammenziehen und Ausdehnen der Flugmuskeln

werden diese Luftsäcke im gleichen Rhythmus

zusammengepresst und ausgedehnt. Gefüllt werden sie

durch den Druck des Gegenwindes beim Fliegen. Durch

diese besondere Konstruktion wird die Lunge bei jedem

Atemzug zweimal durchlüftet (beim Einatmen und beim

Auspressen der Luftsäcke). Die Luftsäcke dienen außerdem

als Kühlanlage für die hochbeanspruchte Flugmuskulatur

und als Polster für die inneren Organe. Auch das ist unbedingt

nötig, denn sonst würden unsere Eingeweide bei dem

plötzlichen Brems- und Beschleunigungsmanövern ständig

hin- und herrutschen, und wir müssten erbrechen.

 

Meine Nahrung

Ich finde sie im wahrsten Sinn des Wortes in der Luft.

Während ich für meine Jungen Futter suche, jage ich

täglich wenigstens 15 Stunden hin und her. Weil wir so

schlanke, spitze Flügel haben, sind wir äußerst wendig,

sodass wir die nötigen Insekten mit dem Schnabel aus der

Luft schnappen können. Wir fressen Fliegen und Mücken,

aber auch Blattläuse und Schmetterlinge – was es so gerade

gibt. Dabei können wir unseren Schnabel sehr weit aufreißen.

Ein paar tausend von uns schafften es, in Ungarn ein

großes Maisfeld innerhalb von zwei Tagen vollständig von

schwarzen Blattläusen zu befreien. Doch weil im Winter

keine Insekten bei Ihnen umherfliegen, müssen wir uns in

südlichere Gefilde begeben. Wir fliegen nach dem Nahen

Osten oder auch bis weit nach Afrika hinein. Südlich der

Sahara finden wir genügend Nahrung. Im April oder Mai

kommen wir gern wieder in unser altes Nest zurück.

 

Mein Ärger

Während unserer Abwesenheit haben sich manchmal

Sperlinge in unserem Nest breit gemacht. Stellen Sie sich

vor, Sie kämen vom Urlaub nach Hause, und ein Fremder

hätte Ihre Wohnung besetzt. Dann würden Sie bestimmt

gleich die Polizei holen. Weil es die bei uns aber nicht gibt,

müssen wir die Hausbesetzer selbst vertreiben. Sie können

sich gewiss denken, dass es dabei nicht immer sehr fein

zugeht. Manchmal sind die Kämpfe so heftig, dass das Nest

abstürzt. Und einmal, ich muss es zu meiner Beschämung

gestehen, haben wir die ertappten Sperlinge regelrecht

eingemauert und verhungern lassen.

 

Mein Zuhause

Meine Wohnung – eigentlich ist es eine Art Nebenwohnung

– haben Sie bestimmt schon einmal gesehen. Ich

halte mich ja nur ein paar Monate darin auf. Gebaut wird

sie aus dünnflüssigem Lehm und an eine von Regen geschützte

Stelle einer Außenmauer geklebt. Meist helfen

mir ein paar andere Schwalben dabei, sodass wir in 10 bis

14 Tagen fertig sind.

Ich will nicht verschweigen, dass es auch dabei ganz

»menschlich« zugeht. Wenn die Nachbarn nicht aufpassen,

stehlen wir ihnen ganz einfach etwas von dem Nistmaterial,

das sie gerade an ihr eigenes Nest geklebt haben. So sparen

wir uns zwar manchen Flug, handeln uns dafür aber tüchtigen

Ärger ein, denn natürlich versuchen unsere Nachbarn

dasselbe auch bei uns.

Unser Nest bauen wir fast ganz zu; nur oben an der

Decke bleibt ein kleines Flugloch offen. Innen polstern

wir es mit Moos, Grashalmen, kleinen Federn und Watte

sorgsam aus. Es ist immer ordentlich und sauber bei uns,

das können Sie ruhig glauben. Wenn es wirklich einmal

anders aussehen sollte, liegt das an den Sperlingen, die

sich Frecherweise dort eingenistet haben.

Wissen Sie übrigens, dass wir auch in der Bibel vorkommen?

In Psalm 84 steht in den Versen 4 und 5:

»Hat doch auch der Sperling ein Haus gefunden

und die Schwalbe ein Nest für sich,

woselbst sie ihre Jungen birgt:

deine Altäre, o Herr der Heerscharen,

mein König und mein Gott.

Wohl denen, die da wohnen in deinem Haus,

dich allzeit preisen.«

Tatsächlich klebten unsere Vorfahren ihre Nester auch

an die Gebäude des Tempels in Jerusalem. Dort in der

Nähe Gottes fühlten sie sich zu Hause. Ich weiß es, Gott

ist überall, und darum ist er auch in Ihrer Nähe. Ich freue

mich, einen so wunderbaren Schöpfer zu haben. Von ganzem

Herzen will ich ihn loben, so, wie es in Psalm 84,3

geschrieben steht: »Mein Herz und mein Leib, sie jauchzen

dem lebendigen Gott entgegen.«

Haben Sie auch Ihr Zuhause bei Gott?

 

Die Autoren

Prof. Dr. Werner Gitt, 1937 in Raineck/Ostpr. geboren, 1963-1968 Ingenieurstudium
an der Technischen Hochschule Hannover, 1970 Promotion
an der Technischen Hochschule Aachen zum Dr.-Ing., von 1971
bis 2002 war er Leiter des Fachbereichs Informationstechnologie
(früher: Datenverarbeitung) bei der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig, 1978 Ernennung zum
Direktor und Professor bei der PTB, zahlreiche wissenschaftliche
Originalarbeiten aus den Bereichen Informatik, numerische Mathematik
und Regelungstechnik, seit 1980 Mitglied im Leitungskreis
der Studiengemeinschaft »Wort und Wissen«. 1990 gründete er
die Fachtagung Informatik, die alljährlich unter seiner Leitung
stattfindet. Seit 1984 vertritt er das Gebiet »Bibel und Naturwissenschaft
« als Gastdozent an der »Staatsunabhängigen Theologischen
Hochschule Basel«.
 

Karl-Heinz Vanheiden, 1948 in Jena geboren, 1968-1971 Physikstudium
an der Universität Halle,